Fach­ar­ti­kel

Let’s get cloud!?

Wachs­tum der Wolke

Die Zukunft steht in den Wol­ken“, ora­kelte die Tages­zei­tung Die Welt im März 2010 und iden­ti­fi­zierte das Cloud-​Computing als nächs­ten wich­ti­gen Wachs­tums­be­reich der IT-​Branche. Rück­bli­ckend erscheint diese Pro­gnose nicht son­der­lich gewagt, schließ­lich kur­sierte der Begriff „Cloud“ schon seit den 1990er Jah­ren im Zusam­men­hang mit kon­zep­tio­nel­len Über­le­gun­gen zur Aus­la­ge­rung von IT-​Services. 2006 wurde Ama­zon Web Ser­vices (AWS) – der heu­tige Markt­füh­rer – als Toch­ter­firma des Online-​Versandhändlers Ama­zon gegrün­det. Das Unter­neh­men erwirt­schaf­tete 2018 einen Jah­res­um­satz von mehr als 25 Mil­li­ar­den US-​Dollar. Doch auch die Kon­kur­renz schläft nicht. Micro­soft, Google und IBM ver­zeich­ne­ten dank des brum­men­den Geschäfts mit der Cloud eben­falls beacht­li­che Zuwächse. In Deutsch­land wie­derum hat sich der Software-​Riese SAP mit Blick auf den zukunfts­träch­ti­gen Markt neu aus­ge­rich­tet.

Laut aktu­el­len Ana­ly­sen wer­den Unter­neh­men im Jahr 2022 durch­schnitt­lich 28 Pro­zent ihres IT-​Budgets in Cloud-​Dienste inves­tie­ren. Sofern die Pro­gnose der Welt nicht schon 2010 Rea­li­tät war, ist sie es also spä­tes­tens jetzt. In der IT-​Branche ste­hen alle Zei­chen auf Cloud. Frei­lich wäre das Wol­ken­wachs­tum nicht mög­lich, wenn auf­sei­ten der Anwen­der kein dahin­ge­hen­der Bedarf bestünde. Pri­vat­per­so­nen, die ihre Daten­spei­cher erwei­tern oder web­ba­sierte Anwen­dun­gen nut­zen möch­ten, pro­fi­tie­ren von einem Wech­sel in die Cloud ebenso wie Unter­neh­men, die Kos­ten redu­zie­ren und Fle­xi­bi­li­tät gewin­nen wol­len. Wie aber lässt sich die Wolke grei­fen und wel­che Leis­tun­gen kön­nen kon­kret über sie abge­ru­fen wer­den?

Ever­y­thing as a Ser­vice?

Die Cloud ist abs­trakt und daher schwer zu fas­sen. Zwar hat fast jeder eine unge­fähre Vor­stel­lung davon, doch die wenigs­ten kön­nen mit einer kon­kre­ten Erklä­rung die­nen. Obwohl Cloud-​Dienste heut­zu­tage fast all­ge­gen­wär­tig sind, fehlt es bis dato tat­säch­lich an einer ver­bind­li­chen Defi­ni­tion. In Fach­krei­sen wird zumeist auf eine Begriffs­be­stim­mung ver­wie­sen, die 2011 von der US-​amerikanischen Stan­dar­di­sie­rungs­be­hörde NIST (Natio­nal Insti­tute of Stan­dards and Tech­no­logy) vor­ge­legt wurde. Cloud-​Computing ist dem­zu­folge ein Modell, das es erlaubt, über ein Netz jeder­zeit und über­all auf einen geteil­ten Pool von kon­fi­gu­rier­ba­ren Rech­ner­res­sour­cen (z.B. Rechen­leis­tung, Spei­cher­sys­teme, Netze, Ser­ver, Anwen­dun­gen und Dienste) zuzu­grei­fen, die schnell, mit mini­ma­lem Manage­ment­auf­wand und gerin­ger Inter­ak­tion mit dem Ser­vice­pro­vi­der zur Ver­fü­gung gestellt wer­den kön­nen. Weni­ger kom­pli­ziert gesagt, wer­den aus einem Rech­ner­netz – der Cloud – IT-​Infrastrukturen bereit­ge­stellt, ohne dass diese auf dem loka­len End­ge­rät des jewei­li­gen Nut­zers instal­liert sein müs­sen. Cloud-​Dienstleistungen wer­den über tech­ni­sche Schnitt­stel­len, Pro­to­kolle sowie häu­fig über den Web­brow­ser ange­bo­ten und genutzt.

All­ge­mein wird im Cloud-​Computing zwi­schen drei ver­schie­de­nen Ser­vice­mo­del­len unter­schie­den, die auch als auf­ein­an­der auf­bau­ende Ebe­nen beschrie­ben wer­den kön­nen. Das Fun­da­ment bil­det dabei die Ebene Infra­struc­ture as a Ser­vice (IaaS). Im Rah­men die­ses Modells wer­den grund­le­gende IT-​Ressourcen wie etwa Rechen­leis­tung, Arbeits– oder Daten­spei­cher über das Netz­werk bereit­ge­stellt. Die dar­über lie­gende Ebene wird als Plat­form as a Ser­vice (PaaS) bezeich­net. In die­sem Modell stellt der Anbie­ter des Ser­vice den Nut­zern eine Soft­ware­um­ge­bung zur Ver­fü­gung, die es ihnen erlaubt, eigene Anwen­dun­gen zu ent­wi­ckeln und in Betrieb zu neh­men. Soft­ware as a Ser­vice (SaaS) wie­derum bie­tet als dritte, oberste Ebene Zugang zu Anwen­dungs­pro­gram­men. Die Soft­ware kann hier als eine Art Dienst­leis­tung online genutzt wer­den, wobei der Ser­vice­an­bie­ter deren Kon­fi­gu­ra­tion, War­tung und Aktua­li­sie­rung über­nimmt.

Pri­vate, Public, Com­mu­nity oder Hybrid? Haupt­sa­che Cloud!

Anwen­der kön­nen je nach ihren indi­vi­du­el­len Anfor­de­run­gen jede die­ser Ebe­nen bezie­hungs­weise jedes Modell ein­zeln in Anspruch neh­men. Die jeweils benö­tig­ten Res­sour­cen kön­nen wie­derum über ver­schie­dene Wege abge­ru­fen wer­den. Die Defi­ni­tion des NIST benennt vier Bereit­stel­lungs­mo­delle von Cloud-​Angeboten. In einer Pri­vate Cloud wird die Cloud-​Umgebung ledig­lich für ein Unter­neh­men bereit­ge­stellt. Das Hos­ting kann dabei ebenso wie die Ver­wal­tung ent­we­der durch das Unter­neh­men selbst oder durch einen Dienst­leis­ter erfol­gen. Über die Public Cloud kön­nen bestimmte Ser­vices eines Pro­vi­ders von der All­ge­mein­heit oder einer gro­ßen Gruppe von Anwen­dern genutzt wer­den. In einer Com­mu­nity Cloud teilt sich ein klei­ne­rer Nut­zer­kreis, meist meh­rere Unter­neh­men oder Insti­tu­tio­nen mit glei­chem Inter­esse, eine Cloud Umge­bung. Der Betrieb der Com­mu­nity Cloud wird von einer der invol­vier­ten Insti­tu­tio­nen oder einem Dienst­leis­ter über­nom­men. Von einer Hybrid Cloud ist die Rede, wenn meh­rere, jeweils eigen­stän­dige Cloud Infra­struk­tu­ren (Pri­vate oder Public) über Schnitt­stel­len gemein­sam genutzt wer­den. Dar­über hin­aus exis­tie­ren wei­tere Cloud Ange­bote, bei denen es sich zum Teil um Misch­for­men aus den beschrie­be­nen Vari­an­ten han­delt und die wie­derum unter eige­nen Namen fir­mie­ren. So zum Bei­spiel die soge­nannte Multi Cloud, in der Cloud-​Dienste und –Platt­for­men ver­schie­de­ner Anbie­ter zu einer – aus Sicht des Nut­zers – ein­zi­gen gro­ßen Cloud ver­eint wer­den.

Alles aus der Cloud – und dann?

Über die Cloud wird dem­nach nicht nur Spei­cher­platz zur Ver­fü­gung gestellt, son­dern über­dies auch Hard– und Soft­ware. Durch den Zugriff auf Spei­cher, Anwen­dun­gen oder vir­tu­elle Rech­ner aus dem Netz wird die lokal betrie­bene IT-​Infrastruktur zumin­dest in Tei­len obso­let. Die Vor­teile für die Nut­zer der Cloud, vor allem Unter­neh­men oder Behör­den, lie­gen auf der Hand: Durch die Inan­spruch­nahme von Cloud-​Diensten kön­nen Inves­ti­tio­nen in die Infra­struk­tur sowie in Hard– und Soft­ware erheb­lich gesenkt wer­den. Einer­seits ent­fal­len hohe Beschaf­fungs­kos­ten, ande­rer­seits die lau­fen­den Kos­ten für Betrieb, War­tung und Updates. All dies über­nimmt der jewei­lige Service-​Provider.

Zudem bie­ten Cloud-​Dienste ein hohes Maß an Fle­xi­bi­li­tät, denn sie sind jeder­zeit und ein­fach ska­lier­bar. Anwen­der kön­nen den Umfang der gebuch­ten Ser­vices ihrer aktu­el­len Bedarfs­lage anpas­sen und müs­sen somit nur für jene Dienste zah­len, die sie auch tat­säch­lich nut­zen (pay per use). Falls nötig, las­sen sich Spei­cher­platz oder Rechen­leis­tung belie­big – lang­fris­tig oder für begrenzte Dauer – erwei­tern. Wenn also das Geschäft brummt und zusätz­li­che IT-​Kapazitäten benö­tigt wer­den, kön­nen diese im Hand­um­dre­hen dazu gebucht wer­den. Hohe Fehl­in­ves­ti­tio­nen in fal­sche oder spä­ter doch kaum aus­ge­las­tete Hard­ware wer­den ver­mie­den.

Auch mit Blick auf die Nut­zung und den Aus­tausch von Daten gewin­nen Unter­neh­men durch das Cloud-​Computing an Fle­xi­bi­li­tät und Agi­li­tät. Durch Dienste aus der Cloud sind alle Nut­zer unab­hän­gig von ihrem Auf­ent­halts­ort immer auf dem glei­chen Stand. Um auf Cloud-​Services zuzu­grei­fen, wird ledig­lich ein unter­stütz­tes End­ge­rät samt Inter­net­ver­bin­dung benö­tigt. Mit­ar­bei­te­rin­nen und Mit­ar­bei­ter erhal­ten damit die Mög­lich­keit, Stö­run­gen im Nah­ver­kehr, Staus oder aus­ge­fal­lene Kin­der­be­treu­ung ohne Pro­duk­ti­vi­täts­ein­bu­ßen zu hand­ha­ben. Dank der fle­xi­ble­ren Gestal­tung des Arbeits­all­tags steigt nicht nur die Effi­zi­enz, son­dern auch die Zufrie­den­heit der Mit­ar­bei­te­rin­nen und Mit­ar­bei­ter.

Inzwi­schen wer­den sogar kom­plexe IT-​Infrastrukturen wie Con­tact Cen­ter, die bis dato lokal ein­ge­rich­tet wer­den muss­ten, aus der Cloud bereit­ge­stellt. Auch hier pro­fi­tie­ren Unter­neh­men von einer mas­si­ven Sen­kung ihrer Aus­ga­ben sowie dem Zuge­winn an Fle­xi­bi­li­tät durch ein­fa­che Ska­lier­bar­keit.

Keine Angst vor der Cloud!

Wäh­rend Cloud-​Dienste zuneh­mend an Bedeu­tung gewin­nen, begeg­nen viele deut­sche Unter­neh­men, die beim Thema Daten­schutz tra­di­tio­nell sen­si­bel rea­gie­ren, einer Aus­la­ge­rung ihrer Daten auch wei­ter­hin mit Skep­sis. Tat­säch­lich bege­ben sich Unter­neh­men, die einem Cloud-​Dienstleister emp­find­li­che Daten anver­trauen, in eine gewisse Abhän­gig­keit. Im ers­ten Schritt soll­ten daher die Rah­men­be­din­gun­gen sorg­fäl­tig geprüft wer­den. Zu beach­ten ist etwa, dass Daten­spei­cher, die sich außer­halb der EU befin­den, nicht an die euro­päi­schen Daten­schutz­richt­li­nien gebun­den sind. Das Bun­des­amt für Sicher­heit und Infor­ma­ti­ons­tech­nik (BSI) bie­tet eine Ori­en­tie­rungs­hilfe. Die Behörde hat einen Cloud Com­pu­ting Com­pli­ance Con­trols Cata­lo­gue (C5) ver­öf­fent­licht, der bestimmte Min­dest­an­for­de­run­gen vor­gibt, die Cloud-​Dienstleister erfül­len soll­ten, um unter ande­rem die stren­gen gesetz­li­chen Auf­la­gen zum Daten­schutz zu erfül­len.

Unab­hän­gig davon kann sich die Ver­schlüs­se­lung der Daten als wir­kungs­vol­ler Schutz erwei­sen. Zudem kön­nen grund­sätz­li­che Vor­be­halte dadurch zer­streut wer­den, dass die Nut­zung von Cloud-​Diensten in puncto Sicher­heit auch Vor­teile bie­tet. Anders als bei On-​Premises-​Lösungen kön­nen sich Anwen­der dar­auf ver­las­sen, dass Infra­struk­tur und Anwen­dun­gen aus der Cloud durch den Pro­vi­der stets aktu­ell gehal­ten wer­den und die Sicher­heits­stan­dards somit up to date blei­ben. Über­dies ver­fü­gen die Pro­vi­der über eine hohe fach­spe­zi­fi­sche Kom­pe­tenz, die von ein­zel­nen, selbst hoch­qua­li­fi­zier­ten Admi­nis­tra­to­ren nur schwer erreicht wer­den kann. Und nicht zuletzt bie­tet die Cloud einen bes­se­ren Schutz vor Daten­ver­lust durch defekte Fest­plat­ten oder andere tech­ni­sche Aus­fälle.

Sofern Cloud-​Lösungen unter Berück­sich­ti­gung der gel­ten­den Sicher­heits­stan­dards – und mög­li­cher­weise mit Hilfe eines erfah­re­nen Part­ners – imple­men­tiert wer­den, bie­ten sie Unter­neh­men oder Behör­den zahl­rei­che attrak­tive Vor­teile. Aktu­elle Trends, wie die Anwen­dungs­ent­wick­lung über Micro­ser­vices und Con­tai­ner oder die wei­tere Redu­zie­rung von Infra­struk­tur durch Ser­ver­less Com­pu­ting, las­sen ohne­hin kei­nen Raum für Zwei­fel: Der moder­nen Cloud-​Technologie gehört die Zukunft.